„Ich möchte diesem Land etwas zurückgeben“

Abdulhamid Hejazi Almidani promoviert in Physikalischer Chemie an der Universität Stuttgart – und engagiert sich zugleich intensiv für eine offene Ge­sell­schaft. Im Interview erzählt er von seinem Weg aus Syrien nach Deutschland, seiner Forschung zu nachhaltigen Mikroemulsionen und davon, welche Rolle die Heinrich-Böll-Stiftung für ihn und seine Familie spielt.

Heinrich-Böll-Stiftung: Lieber Abdulhamid Hejazi Almidani, kannst du dich kurz vorstellen?

Abdulhamid Hejazi Almidani: Ich heiße Abdulhamid Hejazi Almidani, bin Vater einer siebenjährigen Tochter, Deutsch-Syrer und lebe seit 2015 in Deutschland. Mein Weg führte mich vom Bachelorstudium in Angewandter Chemie in Damaskus über ein weiteres Bachelor- und Masterstudium in Stuttgart bis hin zur Promotion am Institut für Physikalische Chemie der Universität Stuttgart, wo ich heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig bin.

Neben der Forschung spielt mein gesellschaftliches Engagement eine zentrale Rolle. Ich habe mehrere Vereine im Raum Stuttgart mitgegründet, darunter das Support Group Network Deutschland e. V.. Dort bin ich unter anderem für Finanzen, Projektabwicklung und Koordination verantwortlich.

Der Verein hat sich in Stuttgart als wichtiger Kooperationspartner der Stadt etabliert – mit rund 100 Ehrenamtlichen und Honorarkräften sowie einem festen Team von sieben Teilzeitkräften, zwei Minijobbern und einer Werkstudentin. In etwa 30 Projekten erreichen wir regelmäßig 700 bis 800 Menschen aus 17 Nationen.

Die Projekte decken sechs Themenfelder ab: Frauen, Bildung, Arbeitsmarktintegration, Sprachförderung, Jugendbeteiligung und EU-Projekte. Besonders stolz bin ich auf ein bilinguales Schulunterstützungsprojekt, das über 200 Kindern mit Migrationshintergrund kostenlose Förderung bietet. Heute werden unsere Projekte durch Mittel der EU, des Bundes, des Landes, der Kommunen und verschiedener Stiftungen unterstützt.

Worum geht es in deiner Promotion?

Ich forsche an nachhaltigen Mikroemulsionen, die mit abbaubaren Tensiden (Biotensiden) formuliert werden. Mikroemulsionen sind transparente, thermodynamisch stabile Mischungen aus mindestens drei Komponenten: Wasser, Öl und Tensid. Sie finden in vielen Bereichen Anwendung – von Waschprozessen über Pharmazie und Kosmetik bis hin zur Erdölförderung.

Bisher werden sie meist mit synthetischen, petrochemischen Tensiden hergestellt, die die Umwelt langfristig belasten. In meiner Arbeit möchte ich daher Biotenside wie Rhamnolipide oder Sophorolipide einsetzen, die aus Mikroorganismen gewonnen werden und biologisch abbaubar sind.

Ich untersuche, wie sich diese Biotenside in Mikroemulsionen verhalten und wie stabil sie unter verschiedenen Bedingungen sind. Bereits in den ersten Monaten meiner Promotion ist es mir gelungen, das am wenigsten nachhaltige Tensid aus einer früheren Formulierung zu ersetzen. Parallel prüfe ich die Stabilität von Biotensiden bei unterschiedlichen Temperaturen und pH-Werten, um ihre Eignung für praktische Anwendungen – etwa in Waschmitteln oder bei der gezielten Wirkstoffabgabe in der Medizin – einschätzen zu können.

Wie war dein Weg zur Promotion?

Schon in Syrien wollte ich nach Deutschland, da viele meiner Professor:innen an der Universität Damaskus hier promoviert hatten und vom hohen Forschungsstand berichteten. Durch die Revolution und die Kriegsumstände unter dem Assad-Regime war dies zunächst nicht möglich.

2015 musste ich schließlich fliehen. Nach meiner Ankunft in Deutschland war der Spracherwerb ein entscheidender Schritt. Ich nahm an Integrationskursen und am ISK-Programm für akademisch orientierte Geflüchtete teil und erreichte das C1-Niveau.

Mein Studium in Stuttgart – zunächst im Bachelor, dann im Master – hat meinen Wortschatz und mein Fachwissen weiter vertieft. Parallel dazu habe ich mich mit Demokratie, Freiheit und Menschenrechten auseinandergesetzt und mich ehrenamtlich engagiert.

Dass ich nun in Deutschland promoviere, sehe ich nicht nur als persönliche Chance, sondern auch als Möglichkeit, diesem Land, das mir Sicherheit, Bildung und neue Perspektiven gegeben hat, etwas zurückzugeben.

Wie bist du zur Heinrich-Böll-Stiftung gekommen?

Schon seit meiner Studienzeit in Syrien war es mein Ziel, Stipendiat zu werden. Für mich war das immer ein besonderer Schritt im Leben – ein Zeichen von Anerkennung und Vertrauen. Auch mein Vater hat oft darüber gesprochen und mir vermittelt, dass ein Stipendium nicht nur finanzielle Unterstützung bedeutet, sondern auch Verantwortung mit sich bringt.

Dass ich dieses Ziel über die Heinrich-Böll-Stiftung erreicht habe, erfüllt mich mit Stolz und ermöglicht es mir, meine Erfahrungen und Überzeugungen mit meiner wissenschaftlichen Arbeit und meinem Engagement zu verbinden.

Warum die Heinrich-Böll-Stiftung? Weil sie sich nicht nur an Bildungsinländer:innen richtet, sondern auch an Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Offenheit war für mich entscheidend. Ihre Werte – Demokratie, Umwelt und soziale Gerechtigkeit – sind für mich von besonderer Bedeutung, da ich in Syrien das Gegenteil erlebt habe: fehlende Menschenrechte, Unterdrückung, keine politische Freiheit und kaum Bewusstsein für Umweltfragen.

Was bedeutet das Stipendium?

Das Stipendium gibt mir vor allem Sicherheit und Freiheit. Ich muss weniger Zeit in Nebenjobs investieren und kann mich stärker auf meine Promotion konzentrieren. Gleichzeitig bleibt mir mehr Raum für mein ehrenamtliches Engagement, das mir ebenso wichtig ist wie meine Forschung.

Als Familienvater ist die Promotion für mich eine besondere Herausforderung. Sie erfordert Beharrlichkeit, Ausdauer und die Fähigkeit, unterschiedliche Aufgaben miteinander zu vereinbaren. Trotz aller Hindernisse ist meine Motivation nie gesunken. Im Gegenteil: Je anspruchsvoller der Weg wurde, desto zielstrebiger habe ich daran gearbeitet, meine Ziele zu erreichen.

Durch die Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung ist es mir gelungen, eine gute Balance zwischen Forschung, Familienleben und gesellschaftlichem Engagement zu finden. Diese Ausgeglichenheit gibt mir Kraft und Zuversicht, meinen Weg langfristig erfolgreich weiterzugehen.

Was bedeutet dir die ideelle Förderung?

Die ideelle Förderung bedeutet für mich Austausch, Reflexion und Weiterbildung. Besonders wertvoll ist die Begegnung mit Stipendiat:innen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen und Hintergründen. Diese Vielfalt eröffnet mir neue Perspektiven über die Naturwissenschaft hinaus und stärkt mein politisches und gesellschaftliches Bewusstsein.

Ich habe viele Anregungen erhalten, wie man in gesellschaftlichen Diskussionen selbstbewusst auftritt und sensibel auf Herausforderungen reagiert. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie wichtig Solidarität, gegenseitige Unterstützung und starke Netzwerke sind – um sich gemeinsam für eine offene und inklusive Ge­sell­schaft einzusetzen.

Die Veranstaltungen haben mir ermöglicht, mich intensiver mit gesellschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen, meine Haltung zu reflektieren und meine Kenntnisse in Bereichen wie Menschenrechten und Antidiskriminierung zu vertiefen. Dabei konnte ich wertvolle Kontakte knüpfen und eigene Ideen einbringen.

Welche Erfahrungen hast du bisher durch die Förderung gemacht?

Ich habe gelernt, dass sich Engagement und Wissenschaft gegenseitig verstärken können. Durch die Förderung konnte ich Kontakte knüpfen, Netzwerke aufbauen und neue Impulse für meine Arbeit und mein Denken gewinnen.

Besonders wichtig ist für mich die Erfahrung, dass Offenheit, Vielfalt und Dialog nicht nur Schlagworte sind – sondern in den Be­gab­ten­för­der­ungs­wer­ken gelebt werden. Das motiviert mich, weiterhin aktiv zu einer offenen, demokratischen und gerechten Ge­sell­schaft beizutragen.

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