„Bei meinen Studienplänen hat mich die Hans-Böckler-Stiftung mit Feedback und Anregungen unterstützt.“

Jaro Habiger interessiert, wie Technologien demokratisch und mitbestimmt gestaltet werden können. Für ihn führte der Weg über die Kunstuni hin zum Masterstudiengang „Science-Technology-Society“ (STS) in Wien. Unterstützung fand er dabei bei der Hans-Böckler-Stiftung.

Ein junger Mann mit langem lila gefärbtem Haar sitzt auf einer Hollywood-Schaukel.

Lieber Jaro Habiger, was und wo studierst du?

Ich studiere im Moment einen Masterstudiengang namens „Science-Technology-Society“ (STS) in Wien. Wir sind am Soziologieinstitut der Universität Wien angesiedelt und beforschen, wie sich Technik, Wissenschaft und Gesellschaft gegenseitig formen und beeinflussen.

Welche Themen innerhalb deines Studiums begeistern dich besonders?

Vor dem Studium habe ich als Softwareentwickler gearbeitet und war im Chaos Computer Club und der Klimabewegung aktiv. Dadurch bin ich auf der einen Seite fasziniert von Computern, habe auf der anderen Seite aber auch große Zweifel, weil digitale Technologie oft soziale Ungleichheit vergrößert, die Demokratie bedroht und die Umwelt zerstört. An STS interessiert mich also insbesondere, wie wir es als Gesellschaft schaffen können, Technologien unter demokratische Kontrolle zu stellen und Mitbestimmung zu erkämpfen, damit sie im Interesse von Arbeitnehmer*innen und nicht von Billionären arbeiten.

Dein Studium im Studienfach „Science – Technology – Society“ absolvierst du an der Universität Wien. Wie ist die Wahl auf Studiengang und -ort gefallen?

Angefangen habe ich mit meinem Studium an der Kunsthochschule Kassel. Dort ist mir aber schnell klar geworden, dass ich mich nicht ausschließlich künstlerisch betätigen möchte. Deshalb habe ich mich nach Alternativen umgeguckt und ein Auslandsjahr gemacht. Belegt habe ich dort einen Studiengang, der Kunst und Gesellschaftswissenschaften mischt, und an der Universität für Angewandte Kunst Wien angesiedelt ist. Das hat es mir so gut gefallen, dass ich, nachdem mein Auslandsjahr vorbei war, in Wien geblieben bin und dort meinen Bachelor abgeschlossen habe.

Auf meinen Masterstudiengang bin ich dann durch einen Dozenten in meinem Bachelor aufmerksam geworden, der zu STS-Themen gelehrt hat. Ich war sofort begeistert, weil sich das Seminar in einem universitären Kontext mit den Zweifeln, die ich in Bezug auf digitale Technik ohnehin hatte, auseinandergesetzt hat. Nach meinem Bachelor habe ich mich also für den STS-Master beworben und wurde angenommen. Dass ich dabei als Auflage eine zusätzliche Einführungsveranstaltung zu Methoden der Qualitativen Sozialforschung machen musste, weil ich meinen Bachelor an der Kunstuni gemacht habe, hat mich eher gefreut als gestört.

Welche Rolle spielt die Förderung der Hans-Böckler-Stiftung für dein Studium?

Die Förderung durch die Hans-Böckler-Stiftung hat mir schon an vielen Stellen in meinem Studium geholfen: durch neue Möglichkeiten, Anregungen, und natürlich durch Unterstützung. Die größte Rolle spielen aber die Menschen, die ich in der Stiftung kennengelernt habe, mit denen ich zum Teil sehr eng befreundet bin und die mein Leben sehr bereichert haben.

Mir hat es sehr geholfen, dass ich offen über meine Pläne mit der Stiftung reden kann und Feedback und Anregungen bekommen habe. Als ich zum Beispiel Zweifel hatte, ob der ausschließlich künstlerische Studiengang in Kassel das richtige für mich ist, hat mir meine Referentin geholfen, eine Lösung zu finden. Wenn ich nicht in der HBS gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich das Studium einfach abgebrochen und etwas anderes von vorne angefangen.

Außerdem habe ich durch die Hans-Böckler-Stiftung erst realisiert, dass ich mich auf Förderungen bewerben kann und habe durch das Schreiben von Gutachten und Semesterberichten Übung darin bekommen.

Welche besonderen Erfahrungen konntest du durch die ideelle Förderung der Hans-Böckler-Stiftung sammeln?

Eines meiner einprägsamsten Erlebnisse in der Stiftung war eine Studienreise nach Nordmazedonien und Kosovo. Die Studienreise wurde von Mitstipendiat*innen organisiert, die dort einen familiären Background haben, und hat uns Einblicke in die politische Situation und den EU-Beitrittsprozess gegeben. Die Reise hat mir auch noch einmal gezeigt, wie viel wir als Stipendiat*innen in der Stiftung mitgestalten können!

Letzten Sommer habe ich außerdem an der Auslandsakademie in Spanien teilgenommen. Anders als viele andere Seminare ist die Akademie vier Wochen lang und hat mir die Möglichkeit gegeben, an einem Spanisch-Intensivkurs teilzunehmen, was ich schon seit meiner Schulzeit wollte (während der kein Spanischunterricht angeboten wurde). Außerdem war es extrem spannend, Mitstipendiat*innen aus ganz Deutschland kennenzulernen und mit ihnen einen gemeinsamen Monat zu verbringen.

Wie engagierst du dich abseits deines Studiums?

Im Moment bin ich hauptsächlich dabei, zusammen mit Mitstudent*innen eine Gruppe zu gründen, die sich gegen den Einsatz von „generativer KI“ wie ChatGPT an der Universität einsetzt. Während an meiner Universität massiv das Budget gekürzt wird, rollt sie eine Plattform aus, über die Student*innen und Mitarbeiter*innen Sprachmodelle angeboten werden, für die die Uni Big-Tech Konzernen Geld bezahlt.

Vor kurzem hast du gemeinsam mit Freund*innen eine Förderung des BMFTR zur Entwicklung einer Software erhalten. Dazu gratulieren wir dir herzlich! Worum geht es in dem Projekt und warum ist es dir so wichtig?

Wir werden aktuell gefördert, um Open-Source Transkriptionssoftware für die qualitative Sozialforschung zu entwickeln. Die Förderung kommt vom „Prototype-Fund“, einem Förderprogramm, das freie Software im Sinne des Gemeinwohls fördert. Immer mehr Forscher*innen greifen zu Softwarelösungen, um ihre Forschungsinterviews zu transkribieren. Dabei werden die Interviews aber oft mit Technologiekonzernen geteilt, was zu Datenschutzproblemen führt. Deshalb ist es wichtig, dass es gute Software gibt, die datensparsam eingesetzt werden kann. Ich bin großer Fan von der Idee, dass der Staat die Entwicklung von frei zugänglicher Software finanziert (insbesondere, wenn diese sowieso hauptsächlich von staatlichen Unis eingesetzt wird), anstatt sie von Tech-Konzernen zu mieten.

Zusätzlich beginne ich gerade damit, meine Masterarbeit darüber zu schreiben, wie (halb-)automatische Transkriptionssoftware die Forschung beeinflusst, und möchte die Erkenntnisse daraus in die Entwicklung einfließen lassen. So können wir hoffentlich Forscher*innen helfen etwas von der Selbstwirksamkeit, die sie durch die Verwendung von automatisierter Transkriptionssoftware verlieren, zurückerlangen.

Weitere Informationen