Vom sozialen Brennpunkt zum Azubi-Stipendium

Berkay Türkgeldi ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung mit einem Stipendium für Auszubildende. In einem Interview mit der FES erzählt er, wie er vom frühzeitigen Ende seiner Schulkarriere in die Förderung durch die FES gelangt ist, von guten Gründen für eine Ausbildung und wofür er sich ehrenamtlich einsetzt.

FES: Lieber Berkay, du machst derzeit eine Ausbildung zum Kaufmann für IT-System-Management in Düsseldorf. Wie kam es dazu?

Für Technik konnte ich mich schon immer begeistern. Nach der Schule hat es mich jedoch erstmal über Zufälle in den Vertrieb getrieben. Da hat es mir besonders gefallen, tagtäglich über meine Grenzen zu gehen und offener im Umgang mit fremden Menschen zu werden. Als ich nun nach 3-4 Jahren merkte, dass ich mich nicht mehr richtig weiterentwickle und mir klassische Bildung fehlt, wollte ich eine Ausbildung beginnen, um eine neue Branche für mich zu erschließen. Zufällig bin ich dann auf die Ausbildung zum Kaufmann für IT-System-Management gestoßen, die meine vertriebliche und wirtschaftliche Ader mit technischer Tiefe verbindet und somit die perfekte Ausbildung für mich darstellt.

FES: Derzeit bist du einer von rund 50 Auszubildenden, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung mit einem Stipendium gefördert werden. Wie erlebst du die Betreuung und das Netzwerk in der Friedrich-Ebert-Stiftung?

Es bereitet mir immer wieder Freude, an Seminaren der Stiftung teilzunehmen. Dort erlebe ich eine offene und respektvolle Diskussionskultur, bei der niemand vorverurteilt wird und jeder authentisch er selbst sein kann. Sowohl online als auch in Präsenz schaffen es die Seminarleiter jedes Mal binnen kürzester Zeit, uns als Gruppe zusammenzuschweißen. Ich habe einige neue Freunde gefunden, mit denen ich auch privat in Kontakt stehe. Darüber hinaus habe ich bei einer Veranstaltung meinen Mentor kennengelernt, der mich bei meiner beruflichen Weiterentwicklung unterstützt.

Die Betreuung könnte meines Erachtens nicht besser sein. Unsere Betreuer erkundigen sich regelmäßig, wie es uns geht, welche Herausforderungen wir im Beruf und in Bezug auf unsere Engagements aktuell haben, und unterbreiten uns dazu Lösungsvorschläge. Sie kennen jeden Einzelnen von uns gut und ich bin jedes Mal erstaunt, was sie sich alles über uns gemerkt haben, selbst wenn es Dinge sind, die nur nebenbei mal erwähnt wurden.

FES: Neben deiner Ausbildung engagierst du dich politisch, in der Opferhilfe Weisser Ring e.V. und in der Integration. Warum genau diese Ehrenämter?

Ich bin in sozialen Brennpunkten aufgewachsen und habe dementsprechend viel Kriminalität miterlebt. Dabei taten mir immer diejenigen leid, die unschuldig waren und rein zufällig Opfer dieser Kriminalität geworden sind. Dadurch hat sich mein Gerechtigkeitssinn stärker ausgeprägt. Als ich meine selbstständige Tätigkeit im Vertrieb aufgegeben habe, um mehr Zeit zu haben, eine Ausbildungsstelle zu finden, hat mir eine Berufung gefehlt. Also suchte ich im Internet nach sinnstiftenden Ehrenämtern, bis mir irgendwann einfiel, dass es den Weissen Ring gibt. Dieser war mir bereits bekannt, da uns eine Lehrerin in der Schule früher über das Angebot des Weissen Rings aufgeklärt hat. Für mich war sofort klar, dass ich Menschen, die Opfer von Kriminalität geworden sind, gerne den Rücken stärken möchte, weshalb ich mich online bewarb. Nach ungefähr einem Jahr Hospitation und mehreren Seminaren bin ich dann auch zum ehrenamtlichen Mitarbeiter ernannt worden und nehme dieses Jahr als Bundesdelegierter an der Bundesdelegiertenkonferenz teil.

Früher war ich vor allem in der Hausaufgabenbetreuung engagiert. Dort wollte ich die Kinder unterstützen, die auch in Brennpunkten aufwachsen, vielleicht Eltern haben, die kein Deutsch sprechen, und in Bezug auf die Schule auf sich alleine gestellt sind. Die Kinder in der Gruppe sollten nicht denselben Fehler machen, den ich gemacht habe, indem sie die Schule frühzeitig beenden. Also versuchte ich, ihnen bestmöglich bei den Problemfächern unter die Arme zu greifen, und konnte mit Freude beobachten, wie die Noten sich immer weiter verbesserten.

Mein politisches Engagement entstand zum Teil auch durch das Stipendium. Ich habe schon immer mit dem Gedanken gespielt, mich politisch zu engagieren, bin jedoch nie den Schritt gegangen, da ich mir nicht sicher war, ob es das Richtige für mich ist. Das änderte sich, als ich mich bei meinem Interview im Auswahlverfahren des Stipendiums der FES mit den Gutachtern darüber unterhalten habe und mir erzählt wurde, wie Kommunalpolitik im Detail funktioniert und mit welchen Themen sich da beispielsweise auseinandergesetzt wird. Also entschied ich mich dazu, es einfach auszuprobieren, und bin der SPD nach mehreren persönlichen Gesprächen mit Mitgliedern beigetreten. Dort bringe ich mich mittlerweile als Vorstandsmitglied der Jusos in Moers und als sachkundiger Bürger für die Ratsfraktion der SPD ein.

FES: Wie geht es für dich nach der Ausbildung weiter? Was sind deine nächsten Projekte und Ziele?

Ich werde direkt nach der Ausbildung eine Weiterbildung zum Fachwirt (IHK) beginnen, um in einem Jahr die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen. Dieses Jahr werde ich auch nutzen, um meine Englischkenntnisse zu vertiefen und ein Sprachzertifikat zu erhalten, da ich mir sehr gut vorstellen kann, später international zu arbeiten. Anschließend möchte ich berufsbegleitend studieren, wahrscheinlich im Bereich Wirtschaft.

FES: Lieber Berkay, wir freuen uns, dich in unserer Azubi-Förderung zu haben, danken dir für das Gespräch und wünschen dir alles Gute für die Zukunft. Bleib uns erhalten!

Lieben Dank, das wünsche ich Euch auch!

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