„Die Förderung der KAS gibt mir die Freiheit, mich ganz auf meine Forschung zu konzentrieren.“

Humberto J. Sierra Olivieri, Stipendiat der Internationalen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung, promoviert zum Strafzumessungsrecht. Im Interview erzählt er, warum ihn die Unterschiede zwischen dem kolumbianischen und dem deutschen Rechtssystem zu diesem Forschungsthema geführt haben, wie er zur KAS fand und welche Rolle die Stiftung für seine wissenschaftliche und persönliche Entwicklung spielt.

Halbporträt-Aufnahme eines jungen Mannes, der vor einer hellen Holzwand steht. Er blickt lächelnd die Kamera, verschränkt die Arme vor seinem Körper und trägt einen brauen Pullover.

Du promovierst zum Thema Strafzumessungsrecht. Wie bist du zu diesem Promotionsthema gekommen?

In Kolumbien widmet der Gesetzgeber dem Thema der Strafzumessung besondere Aufmerksamkeit: Unser Strafgesetzbuch enthält einen umfangreichen Katalog von Umständen, die für die Bewertung des konkreten Falles relevant sein können, sowie eine Reihe mathematischer Operationen, die, grob gesagt, dazu dienen, die Höhe der zu verhängenden Strafe festzulegen. Das führt dazu, dass man sowohl im Studium als auch später in der gerichtlichen Praxis diese Tätigkeit mit einer eher mechanischen Arbeit assoziiert, bei der der Taschenrechner der beste Verbündete ist. In Deutschland sieht die Situation ganz anders aus: Der Gesetzgeber ist zurückhaltend, den Bereich der Strafzumessung zu stark zu regeln. Darüber hinaus ist das Thema nicht Bestandteil der universitären Ausbildung und Richterinnen und Richter verfügen im Allgemeinen über einen großen Ermessensspielraum bei der Strafzumessung. Diese Situation hat unter anderem dazu beigetragen, dass in Deutschland ein größeres wissenschaftliches Interesse daran besteht, zu untersuchen, wie diese Aufgabe in der Praxis umgesetzt wird, und Leitlinien zu entwickeln, an denen sich Richterinnen und Richter bei ihrer Arbeit orientieren können. Dennoch spielt die Frage nach der Höhe des Strafmaßes in der akademischen Diskussion im Vergleich zu anderen Problemfeldern nur eine untergeordnete Rolle, obwohl dies angesichts ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen und medialen Resonanz überraschen mag. Dieser Kontrast zwischen den unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie Strafzumessung erfolgen sollte, und die vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit, die diesem Themenfeld in der Strafrechtswissenschaft zuteilwird, hat mein Interesse an der Strafzumessungslehre geweckt und mich dazu veranlasst, meine Doktorarbeit in diesem Kontext anzusiedeln.

Vor deiner Promotion hast du bereits ein Masterstudium in Deutschland absolviert. Aus welchen Gründen hast du dich für ein Studium und eine Promotion in Deutschland entschieden?

Seit Beginn meines Jurastudiums in Kolumbien hat mich das Strafrecht besonders fasziniert: Es ist nicht nur ein Rechtsgebiet, das einen der problematischsten Aspekte einer liberalen Gesellschaft regelt, nämlich die stärkste Einschränkung der für den Menschen zentralen Rechte und Freiheiten, die eine Strafe, insbesondere eine Freiheitsstrafe, mit sich bringt, sondern es erfordert auch eine ständige Reflexion über besonders schwierige menschliche Situationen. Nun mag dies für jemanden, der sich nicht mit diesem Wissensgebiet beschäftigt, überraschend erscheinen, doch viele der Begriffe und Theorien, die in einem großen Teil der Welt, auch in Kolumbien, zum Verständnis dieses Fachgebiets und zur Auslegung der Strafgesetze verwendet werden, wurden weitgehend im deutschen Kulturkreis entwickelt. Zudem ist in diesem Zusammenhang der akademische Austausch zwischen Deutschland und dem spanischsprachigen Raum besonders eng, dynamisch und produktiv. Als ich mich daher entschied, mich endgültig auf diesen Rechtsbereich zu konzentrieren, stand der Ort meiner Weiterbildung praktisch schon fest.

Wie bist du auf das Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung aufmerksam geworden?

Es gab mehrere Umstände, die dazu führten, dass ich mit der KAS in Kontakt kam. Zunächst einmal ist eines der kolumbianischen Standardwerke für den Einstieg in das Studium des Strafrechts ausgerechnet der KAS gewidmet, die es dem Autor ermöglicht hat, in Deutschland zu studieren. Aber abgesehen von dieser Anekdote ist die Stiftung in Kolumbien in vielen Bereichen sehr aktiv, sodass sie an vielen akademischen Veranstaltungen und Publikationen zu politischen, sozialen und rechtlichen Themen beteiligt war, die während meiner Studienzeit mein Interesse geweckt haben. Bei einer dieser Veranstaltungen hatte ich die Gelegenheit, die Arbeit des Teams des „Rechtsstaatsprogramms Lateinamerika“ näher kennenzulernen, was mich sehr angesprochen hat. Motiviert durch den Wunsch, an einigen der Projekte mitzuwirken und in einem Umfeld der akademischen und politischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kolumbien zu arbeiten, entschied ich mich für ein mehrmonatiges Praktikum im KAS-Büro in Bogotá. In dieser Zeit lernte ich die Vielzahl der Initiativen und Programme kennen, die die Stiftung koordiniert, darunter auch das Stipendienprogramm. Fünf Jahre später, als ich mich entschied, mein Aufbaustudium in Deutschland zu absolvieren, war mir klar, dass ich bei der KAS um ein Stipendium bewerben würde.

Was zeichnet die KAS deiner Meinung nach aus und was schätzt du am meisten an ihr?

Viele Menschen hören den Namen der Stiftung und verbinden damit direkt eine Reihe von Meinungen sowie ein vordefiniertes und unveränderliches politisches Programm. Dieses Bild ist jedoch weit von der Realität entfernt: Die KAS ist die größte parteinahe Stiftung Deutschlands und zeichnet sich durch eine ausgeprägte internationale Ausrichtung aus. Daher spiegelt sie nicht nur die Vielfalt der Perspektiven wider, die hierzulande existieren, sondern auch jene, die in vielen anderen Teilen der Welt vertreten werden. Natürlich gibt es Werte, die man teilen muss, um Teil dieser Gemeinschaft zu sein: Freiheit, Eigenverantwortung, Gerechtigkeit, Solidarität, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und vor allem der feste Glaube an die Würde des Menschen. Aber sind das nicht gerade die grundlegenden Überzeugungen, die notwendig sind, um in einer freien und friedlichen Gesellschaft zu leben? Zumindest in meinem Fall kann und will ich mir nicht vorstellen, in einem Umfeld zu leben, in dem diese Werte nicht der Ausgangspunkt jeder Diskussion sind. In diesem Sinne glaube ich, dass genau das die KAS auszeichnet und was ich an ihr am meisten schätze: Sie ist eine Organisation, die den Dialog zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen, Lebensstilen, Überzeugungen und Vorhaben auf der Grundlage der Achtung dieser Werte ermöglicht und fördert.

Wie unterstützt dich die KAS bei deinem Promotionsvorhaben?

Zunächst einmal – und das ist von größter Bedeutung – unterstützt mich die KAS finanziell mit einem Stipendium, das es mir ermöglicht, mich ganz auf meine Forschung zu konzentrieren. Auch die Tatsache, dass ich auf eine Gruppe von Menschen zählen kann, die darauf achtet, dass mein Projekt erfolgreich abgeschlossen wird, an die ich mich bei verschiedenen Fragen wenden kann und gegenüber der ich zugleich regelmäßig Rechenschaft ablegen muss, ist für ein so langfristiges Projekt eine große Unterstützung. In Anknüpfung an die vorherige Antwort hat mir die Tatsache, dass ich im Rahmen der verschiedenen Aktivitäten der ideellen Förderung Menschen mit sehr unterschiedlichen Werdegängen kennenlernen und mich mit ebenso vielfältigen Themen auseinandersetzen konnte, nicht nur dabei geholfen, meinen fachlichen und kulturellen Horizont zu erweitern, sondern auch zu verstehen, wie andere Menschen ähnliche Situationen erleben und bewältigen. Bei einer Tätigkeit wie einer Promotion im Bereich der Rechtswissenschaften, die manchmal sehr einsam sein kann, sind solche Gelegenheiten eine große Unterstützung.

Wie sehen deine Zukunftspläne nach dem Abschluss der Promotion aus?

Sowohl zu Beginn meines Jurastudiums als auch zum Zeitpunkt meiner Entscheidung, mich auf Strafrecht zu spezialisieren, hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung meiner beruflichen Zukunft. Heute fällt es mir nicht mehr so leicht, diese Frage so eindeutig zu beantworten. Eines ist mir jedoch klar: Ich möchte weiterhin im Bereich des Strafrechts forschen, ich möchte, dass meine Forschungsarbeiten praktische Auswirkungen haben und vor allem, dass sie in gewissem Maße zur Lösung gesellschaftlicher Probleme im Zusammenhang mit der Strafjustiz in Kolumbien beitragen. Ich hoffe, dass sich die „Details“, je näher ich dem Abschluss meiner Doktorarbeit komme, nach und nach klären werden. Schließlich hätte ich mir vor einigen Jahren nicht vorstellen können, dass ich so viele Jahre meines Lebens im Schwarzwald verbringen würde … und was für eine schöne Überraschung das doch gewesen ist!

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