Erinnerung gestalten

Mit ihrem Engagementstipendium entwickelte die Designerin Irini Schwab einen neuen Erinnerungsort für Ramazan Avcı in Hamburg. Das Stipendium ermöglichte ihr, sich ein Semester lang auf die konzeptionelle und administrative Umsetzung zu konzentrieren, Fördermittel einzuwerben und erste Prototypen zu realisieren. Schwab verbindet Gestaltung mit gesellschaftlicher Verantwortung – und schafft Räume, die erinnern, sichtbar machen und zum Dialog einladen.

Gestaltung und gesellschaftliche Teilhabe

Dass Gestaltung und gesellschaftliche Teilhabe für Schwab Hand in Hand gehen, hat sie in den letzten Jahren immer wieder gezeigt. Seit Beginn ihres Bachelorstudiums Experimentelles Design im Jahr 2019 an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) ist Schwab Mitglied der Öffentlichen Gestaltungsberatung St. Pauli, einem aus der HFBK entstandenen, studentisch geführten Designkollektiv, das mit der Gemeinwesenarbeit St. Pauli kooperiert und kostenfreie Designberatung für Menschen oder Initiativen bietet, die keinen ökonomischen Zugang zu professioneller Gestaltung haben. Ein Projekt, das Schwab in diesem Rahmen begleitete, war etwa das performative „Probesitzen am Hansaplatz“, um auf die fehlenden Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen.

Annäherung an das Gedenken an Ramazan Avcı

Schon in ihrer Bachelorarbeit hatte sich Schwab, die selbst aus einer griechisch-deutschen Familie stammt, mit Migrationserfahrung beschäftigt. Sie interviewte in einem Dorf in Nordgriechenland mehrere Frauen, die als Arbeitsmigrant:innen zwischen den Jahren 1960 und 1970 nach Deutschland kamen und zwischen sieben bis vierzig Jahren in Deutschland lebten. Dabei erforschte Schwab, welchen Einfluss die Migration auf die Bauweise und die Ausstattung der von den Frauen in Griechenland gebauten Häuser hatte.

Als im Jahr 2023 die Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı an das Designkollektiv herantrat, um einen eigenen Erinnerungsort zu gestalten, sagte Schwab sofort zu, sich an dem Projekt zu beteiligen. Ramazan Avcı war ein in Hamburg lebender Türke, der 1985 mit nur 26 Jahren an den Folgen eines rassistischen Übergriffs durch Skinheads an einem Hamburger S-Bahnhof starb; seine Verlobte Gülistan Ayaz, Mutter des zehn Tage nach seinem Tod geborenen gemeinsamen Sohnes, setzt sich seitdem für seine Erinnerung ein. 2012 wurde der Platz vor dem S-Bahnhof in Ramazan-Avci-Platz umbenannt.

Diesen Platz passiert Schwab regelmäßig auf ihrem Weg zur Hochschule, die Geschichte von Avcı war ihr daher bereits bekannt. Die Aufgabe, dort einen eigenen Erinnerungsort für Avcı zu gestalten, war ihr ein besonderes Anliegen, so erinnert sich Schwab: „Ich war direkt überzeugt, das Projekt anzunehmen, auch wenn mir die genauen Ausmaße zunächst nicht bewusst waren. Rückblickend würde ich das Projekt jederzeit wieder annehmen und bin sehr dankbar für die Zusammenarbeit sowohl mit meinen Kommilitonen Thies Warnke, Dennis Nedbal und Johannes Kuhn als auch mit der Initiative.“

Administrative Vorbereitung dank Engagementstipendium

Das Ziel der Initiative war es, die Umgestaltung des Ramazan-Avci-Platzes im Dezember 2025 zum 40. Todestag von Ramazan Avcı fertigzustellen und in kooperativer Zusammenarbeit ein Platzkonzept zu entwickeln, das ein würdevolles Erinnern an einen rassistischen Anschlag ermöglichen und gleichzeitig den Ort als einen historisch bedeutsamen Platz vermitteln sollte. Rasch wurde Schwab klar, dass dieses Unterfangen parallel zum Studium nicht umsetzbar war. Sie bewarb sich daher auf ein Engagementstipendium der Studienstiftung – mit Erfolg. Das Stipendium erlaubte ihr in den Folgemonaten, sich für den Zeitraum eines Urlaubssemesters ausschließlich auf die administrativen Vorbereitungen für die Realisierung des Gedenkortes und die Entwicklung eines Designs zu konzentrieren. 

Vor allem in der Verwaltung mussten zunächst große Hürden genommen, zahlreiche Gespräche mit Bezirksabgeordneten geführt, Projektförderanträge gestellt und Politiker:innen als Unterstützung gewonnen werden. „Dies war eine intensive Phase“, erinnert sich Schwab. „Die Konzeption des Entwurfs war selbstverständlich sehr aufregend, gleichzeitig war die administrative Phase innerhalb des Studiums äußerst lehrreich. Sie hat mir gezeigt, wie viele und welche Schritte notwendig sind, um im öffentlichen Raum zu agieren – Schritte, die ich sonst vielleicht erst nach meinem Studium gegangen wäre und von denen meine künstlerisch-gestalterische Praxis viel mitnehmen kann.“ 

Auch aus der Zusammenarbeit mit der Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı gewann Schwab neue Perspektiven: „Die prägendste Erfahrung für mich war die Zusammenarbeit mit Menschen, die sich seit mehreren Jahrzehnten dafür einsetzen, die strukturellen Zusammenhänge rassistischer Gewalt sichtbar zu machen und einem Vergessen der ermordeten Menschen rassistischer Gewalt entgegen zu wirken“, so Schwab. „Initiativen wie diese haben den Grundstein einer antirassistischen Erinnerungskultur gelegt, die die Geschichten und Namen der Opfer und Angehörigen fokussiert und nicht (mehr) der Täter.“

Wenn Engagement Gestalt annimmt 

Aufgrund des beharrlichen gemeinsamen Einsatzes von Schwab und den anderen Beteiligten fand das Projekt mehr und mehr Unterstützung. Dank einer Förderung für Kunst im öffentlichen Raum der Behörde für Kultur und Medien Hamburg waren seit Juli 2024 die gesamten Kosten für die Platzgestaltung gesichert, und die HFBK erklärte sich bereit, als juristische Person den Sondernutzungsantrag zu stellen und die Verantwortung für die Installation zu übernehmen. 

Schließlich zog auch die Politik mit: Im März 2025 wurde der Antrag für den Umbau im Regionalausschuss von allen Parteien unterzeichnet, mit Ausnahme der AfD. 

Bereits zur Gedenkkundgebung im Dezember 2024 wurden maßstabsgetreue Prototypen auf dem Platz installiert, wofür Schwab einen Projektkostenzuschuss von 900 Euro aus dem Engagementstipendium einsetzen konnte. Zukünftig werden zwei Metalltafeln mit den Maßen 1,50 mal 2,50 Metern und der Aufschrift „Rassismus mordet“ sowie Ramazans Name und Lebensdaten „Ramazan Avci 1959-1985“ auf die besondere Geschichte des Platzes hinweisen. Zwischen den beiden Tafeln können außerdem temporär Transparente befestigt werden, die an weitere durch rassistische Gewalt in Hamburg ermordete Menschen erinnern. „Die Tafeln mit ihrer reduzierten Schrift und dem weißen Hintergrund auf schwarzer Schrift sind ästhetisch an die Protestbanner in der Bundesrepublik nach dem Mord an Ramazan Avcı angelehnt“, so Schwab. „Tausende Menschen, überwiegend mit migrantischem Hintergrund, demonstrierten damals gegen rassistische Gewalt und machten auf ihre Gefahr aufmerksam.“ 

Noch ist der Gedenkort nicht ganz fertiggestellt, aber Schwab ist zuversichtlich, dass die letzten Arbeiten rechtzeitig abgeschlossen sein werden: „Wir rechnen damit, dass der Platz am 21. Dezember eingeweiht werden kann und setzen alles daran, dies zu ermöglichen.“

Neue Projekte und Ziele: Ge­sell­schaft gestalten

Nach dem Urlaubssemester ist Schwab nun wieder im regulären Hochschulbetrieb mit der Planung ihrer Masterarbeit beschäftigt. Diese beschäftigt sich mit kolonialer und nationalsozialistischer Bildsprache im öffentlichen Raum am Beispiel des sogenannten „Tansania-Parks“ in der ehemaligen Lettow-Vorbeck Kaserne in Hamburg Jenfeld. 

Außerdem wurde Schwab mit dem Deutschen Design Club Award 2025 ausgezeichnet und für den German Design Newcomer Award 2026 nominiert. „Meine gestalterische Praxis reflektiert, wie wir uns im öffentlichen Raum als Ge­sell­schaft begegnen und welche Rolle Gestaltung dabei spielt“, erklärt sie. 

Auch zukünftig wird Gestaltung ihr Werkzeug sein, Erinnerungen, Begegnungen und politische Forderungen sichtbar zu machen. 

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