Nammyoung Hong: Der Tagesspiegel würdigt jährlich 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Forschende, die einen bedeutenden Beitrag zur Berliner Wissenschaftslandschaft geleistet haben. Die Berlin University Alliance unterstützt die Auswahl.
Obwohl ich meine Masterarbeit bereits vor einigen Jahren abgeschlossen habe, wurde sie diesen Sommer vom Landesdenkmalamt Berlin mit dem Studienpreis ausgezeichnet. Ich glaube, diese Anerkennung hat meiner Arbeit erneut Aufmerksamkeit verschafft und zu meiner Aufnahme in die diesjährige Liste geführt.
Es ist für mich eine große Ehre, zu den „100 Köpfen der Berliner Wissenschaft” 2025 ernannt worden zu sein.
Mein Forschungsschwerpunkt ist die Parkeisenbahn im Berliner Park Wuhlheide.
Da ich aus Korea stamme, einem Land, das wie Deutschland eine Teilung des Landes erlebte, interessierte ich mich für Denkmäler und Stätten, die die deutsche Teilungsgeschichte widerspiegeln, insbesondere aus der ehemaligen DDR. Als ich nach einer Fallstudie für meine Masterarbeit suchte, erregte das Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) in Ost-Berlin sofort meine Aufmerksamkeit. Die dort noch immer in Betrieb befindliche Parkeisenbahn faszinierte mich.
Die Bahn wurde in den 1950er Jahren als Teil der Bildungsinfrastruktur der DDR geplant und gebaut. Sie wird bis heute von Kindern betrieben und hieß ursprünglich „Pioniereisenbahn”, eine Pioniereisenbahn für die sozialistische Berufsausbildung. Sie bot Kindern die Möglichkeit, die Funktionsweise eines Eisenbahnsystems zu erlernen und an dessen Betrieb mitzuwirken. Die Stimmen der Kinder beim Fahren der Züge weckten meine Neugier auf die Geschichte dieses Ortes.
Bei meinen Recherchen entdeckte ich, dass diese Bahn mehr als nur eine Freizeiteinrichtung war, sie war Teil der umfassenderen kulturellen und pädagogischen Vision der Pionierrepublik. Um die Bedeutung der Parkeisenbahn Wuhlheide zu verstehen, habe ich das gesamte Gelände vermessen und dokumentiert, Architekturzeichnungen erstellt und es mit elf anderen Pionierbahnen in der ehemaligen DDR verglichen. Dadurch wollte ich die Bedeutung der Berliner Bahn innerhalb dieses Netzes verdeutlichen.
Obwohl das Gelände noch nicht offiziell unter Denkmalschutz steht, habe ich eine rechtliche und denkmalpflegerische Bewertung vorgenommen, um seinen potenziellen Wert aufzuzeigen. Meine These ist, dass die Parkeisenbahn Wuhlheide, obwohl kein großes architektonisches Wahrzeichen, die lebendige Erinnerung von Generationen von Kindern verkörpert. Sie verdient Anerkennung als Kulturdenkmal, das sowohl die Bildungsideale als auch das alltägliche Erbe Ostberlins bewahrt.
Für mich bedeutet es sehr viel, Promotionsstipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu sein, da meine Forschung eng mit kritischen Diskursen zum kulturellen Erbe und der Frage verbunden ist, wie marginalisierte Gruppen gesellschaftlichen Wandel gestalten können. Ich glaube, dass dies mit den Werten der RLS am besten übereinstimmt: kritisches Denken, soziale Gerechtigkeit und die Stärkung vielfältiger, diverser Stimmen.
Um zu erklären, was mir das bedeutet, denke ich oft an einen Moment während meiner Forschung zurück, der mich tief bewegt hat. Beim Studium von Archivmaterial im Treptower Museum stieß ich nach der deutschen Wiedervereinigung auf Zeitungsartikel über das FEZ und die Parkeisenbahn. Eines der Fotos zeigte Kinder, die für die Rettung des FEZ demonstrierten, als dessen Zukunft ungewiss war.
Dieses Bild hat mich berührt. Kinder werden oft als unpolitisch oder handlungslos angesehen, aber durch diese Forschung wurde mir bewusst, wie aktiv und leidenschaftlich sie sein können. Ihr Engagement zeigt, dass selbst die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft kollektiv handeln können, um das zu bewahren, was ihnen wichtig ist.
In diesem Sinne ist die Parkeisenbahn Wuhlheide nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch ein lebendiges Erbe der politischen Teilhabe von Kindern. Als Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchte ich weiterhin solche Räume erforschen, in denen übersehene oder marginalisierte Akteure wie diese Kinder dazu beitragen, unser gemeinsames Erbe zu bewahren und zu verändern.
In meiner Doktorarbeit untersuche ich, wie Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus im Berliner Industrieerbe repräsentiert wird. Ohne die Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung wäre es sehr schwierig gewesen, diese Arbeit zu verwirklichen. Dank der Förderung konnte ich an zahlreichen Workshops und Konferenzen zum Thema Industrieerbe und Zwangsarbeit teilnehmen, die für die Vertiefung meines Verständnisses und die Weiterentwicklung meines Projekts von entscheidender Bedeutung waren.
Gleichzeitig empfinde ich beim Schreiben dieser Zeilen tiefe Wut und Traurigkeit. Am 17. Oktober wurde die Friedensstatue, ein Denkmal in Berlin, das den sogenannten „Trostfrauen”, Opfern sexueller Gewalt durch das japanische Militär während des Zweiten Weltkriegs, sowie allen Opfern sexueller Kriegsgewalt weltweit gewidmet ist, vom Bezirksamt Mitte unter Polizeieinsatz gewaltsam entfernt.
Als Vorstandsmitglied des Korea Verbands, eines Vereins, der Migrant*innenstimmen vertritt, war ich eng in die Bemühungen zum Erhalt dieses Denkmals eingebunden. Seine Entfernung fühlt sich an wie ein Versuch, die Erinnerung auszulöschen und bürgerschaftliches Engagement zum Schweigen zu bringen. Erinnern ist ein Akt des Widerstands, und ich glaube, dass das Kulturerbe ein Raum bleiben muss, in dem marginalisierte Geschichten gesehen, gehört und geschützt werden können.
Ich werde meine Forschung und meinen Aktivismus auch in Zukunft fortsetzen, um das Erbe marginalisierter Gemeinschaften zu bewahren, sei es die Parkeisenbahn Wuhlheide oder die Friedensstatue. Beide erinnern uns daran, dass Erinnerung, Gerechtigkeit und Solidarität untrennbar miteinander verbunden sind.