„Sich in Redaktionen auszuprobieren ist entscheidender als Noten“

Lukas Kissler studiert an der Deutschen Journalistenschule und ist Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung Ein Gespräch über seinen Weg in den Journalismus, seine journalistische Ausbildung und Zukunftsträume.

Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS): Lukas, du bist Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Journalismus und KAS: Wie passt das zusammen? Warum ist es wichtig, dass es auch Journalistinnen und Journalisten mit einer politischen Haltung gibt?

Journalismus ist die vierte Gewalt im Staat. Das ist keine Worthülse. Eine freie Presse ist überlebenswichtig für die liberale Demokratie, das sieht man überall dort in Europa, wo sie unter Druck gerät. Es braucht Journalismus mit politischer Haltung, um diesen Anspruch zu erfüllen – also Journalistinnen und Journalisten, die sich über Missstände ärgern oder Fehlverhalten anprangern. Denn wer politisch gleichgültig ist, berichtet kaum über Themen wie rechtsextreme Gewalt, verschwörungsgläubige Staatsfeinde oder machtmissbrauchende Amtsinhaber.

Du hattest schon sehr früh den Wunsch, Journalist zu werden. Wie bist du darauf gekommen?

Ich habe schon immer gern geschrieben. In der Grundschulzeit schrieb ich erste Kurzgeschichten, etwas später einen (nie veröffentlichen) Krimi. Mein Traumberuf damals: Schriftsteller. Wann das in Journalist überging, kann ich nicht mehr genau sagen. Jedenfalls steht in meinem Steckbrief in der Abizeitung schon „Journalist“ als Berufswunsch. Heute weiß ich: Zwischen dem Schreiben als Schriftsteller oder Schriftstellerin und dem als Journalist oder Journalistin gibt es einen großen Unterschied.

Du bist der erste in deiner Familie, der studiert. Dass das manchmal nicht ganz leicht ist, darüber hast du ganz offen in einem Spiegel-Artikel geschrieben. Und dann möchtest du auch noch Journalist werden. Eine eher brotlose Kunst, wie manche sagen würden. Wie erklärst du deinen Werdegang deiner Familie?

Bei meiner Recherche zu diesem und anderen Texten habe mit mehreren Studienberatern und -beraterinnen über das Studieren als Erstakademiker gesprochen. Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, dass sich Eltern unter dem angestrebten Beruf ihrer Kinder etwas vorstellen können müssen, damit sie ihn eher akzeptieren. Ein abstrakter Referentenjob in einer NGO ist zum Beispiel recht wenig greifbar, da werden nichtakademische Eltern eher mal skeptisch. Insofern hat es geholfen, dass sich unter meinem Berufsziel jeder etwas vorstellen kann. Meine Eltern wollten mir dieses Ziel nie ausreden – als dann in der Lokalzeitung auch immer öfter mein Name stand, sahen sie ja auch, dass das klappen kann.

Wie können wir uns die journalistische Ausbildung bei der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) der KAS genau vorstellen?

Man stecke eine Handvoll angehender Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten für ein paar Tage in eine Jugendherberge, bringe sie mit motivierten Dozenten und Dozentinnen zusammen und gibt ihnen die Aufgabe, bis Ende der Woche eine Fernsehsendung oder ein Printmagazin zu produzieren. Das Ergebnis: Anfänglicher Stress und Überforderung, aber dann auch spannende Recherchen und steile Lernkurven – und am Ende immer ein Ergebnis, auf das man stolz sein kann. Außerdem viele Gespräche beim Frühstück, Mittag- und Abendessen über Erlebnisse in Praktika, Podcast-Empfehlungen oder Themenideen. Nicht zuletzt findet man dabei sehr gute Freunde und Freundinnen.

Neben Studium und Seminaren in den Semesterferien hast du inzwischen auch schon zahlreiche Praktika absolviert. Ist das nicht auch richtig viel Arbeit?

Doch, tatsächlich. Und im Nachhinein denke ich, dass ich statt des ein oder anderen Praktikums vielleicht doch besser ein Erasmus-Semester gemacht hätte… es kamen danach ja noch genug. Aber im Journalismus absolviert man eher mal mehr statt weniger Praktika. Denn entscheidender als Noten im Studium ist, dass man sich in verschiedenen Redaktionen ausprobiert hat, dass man auch mal selbst an einem TV-Beitrag oder einem Radiostück (mit)arbeiten konnte. Journalismus ist eben Handwerk.

Was steht als nächstes bei dir an?

Nach meinem Bachelor habe ich noch einen Master an der Deutschen Journalistenschule gemacht, der im Herbst vorbei ist. Dann werde ich erstmals vom Journalismus richtig leben (müssen). In welcher Stelle oder in welcher Stadt, oder vielleicht auch frei, das weiß ich noch nicht.

Weltweite Krisen, erstarkender Populismus, eine immer schneller werdende Informationsflut und undurchsichtige Social-Media-Algorithmen – der Journalismus steht vor großen Herausforderungen. Wie stellst du dir deinen Werdegang in Zukunft vor?

Dass sich Menschen in solchen Krisen und Großnachrichtenlagen auf den Journalismus verlassen, hat man zuletzt während Corona gesehen, etwa als es halbstündige Tagesschau-Ausgaben mit Rekordquoten gab. Insofern ist Journalismus relevanter denn je. Eine große Herausforderung ist meiner Meinung nach die Digitalisierung und wie sich die digitalen journalistischen Geschäftsmodelle beim Publikum durchsetzen – sodass sich nicht nur die großen Medienmarken, sondern auch die Lokalmedien im digitalen Zeitalter weiter finanzieren können. Heute wie morgen werden Journalistinnen und Journalisten mit guten Inhalten überzeugen und dazu will ich einen Beitrag leisten.

Die BR-Volontärin und Mitstipendiatin Julia Ruhs hat in einem Streitgespräch in der Zeit neulich gesagt: „Es ist unsere Aufgabe, Missstände abzubilden – nicht, sie zu unterbinden. Leider gibt es im Journalismus sehr viel Aktivismus. Vor allem die Jüngeren versuchen, die Welt zu verbessern. In meiner Generation machen sich zu viele mit der vorgeblich guten Sache gemein.“ Wie positionierst du dich in dieser Debatte?

Allgemein nehme ich den Journalismus in den deutschen Medien nicht als zu aktivistisch wahr. Es ist ja auch die Frage, auf was sich dieser Vorwurf bezieht – auf eine Übergewichtung bestimmter Themen oder auf einen zu „missionarischen“ Ton in der Berichterstattung, wie es Julia Ruhs formuliert? Der Grat ist manchmal sicherlich schmal, besonders im Klimajournalismus: Wenn alle wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigen, dass es etwa nachhaltiger wäre, weniger Fleisch zu essen oder mehr öffentlichen Verkehr zu nutzen, wie vermittelt man das, ohne zu belehrend zu sein? Mir persönlich ist es in meinen Texten lieber, so etwas durch Zitate von Expertinnen und Experten zu vermitteln und nicht durch meine Stimme als Journalist zu „missionieren“.

Eine kurze Frage zum Abschluss: Bei welchem deutschen Medienhaus würdest du in Zukunft am liebsten arbeiten?

Wichtiger als ein bestimmtes Medienhaus ist es, finde ich, dass man einen inhaltlichen Bezug hat zu dem, über was man berichtet. Ich muss mich ja interessieren für das, mit dem ich tagtäglich zu tun habe! Und ich interessiere mich sehr für politische und gesellschaftliche Themen, besonders für alles, was mit Verkehrswende, Radverkehr, ÖPNV sowie mit Kirche und Religion zu tun hat. Toll wäre, wenn ich schwerpunktmäßig über diese Themen berichten kann.

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